Geschichte der Stadt Tailfingen

Verfasst von Studienrat Wilhelm Conzelmann Anlässlich des 100 jährigen Jubiläums 1991 (hier ein Ausschnitt)

Tailfingen im Jahre 1891
Wer in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts seine Heimatgemeinde Tailfingen verlassen hatte, der hätte es 30 Jahre später, im Jahre 1891 wohl nur schwerlich wieder erkannt.
Das arme Bauerndorf von damals hatte sich eindrucksvoll auf den Weg zur wohlhabenden Industriegemeinde gemacht.
Von den etwa 2800 Einwohnern arbeiteten ca. 1700 an 700 Rundwirkstühlen und 1200 Nähmaschinen. Die Produkte, meist Damen- und Herrenunterwäsche, wurde in aller Herren Länder verkauft.
Der wirtschaftliche Aufschwung zog eine rasante Veränderung des Ortsbildes mit sich. Bauernhäuser wurden zu Manufakturen umgebaut, die Straßen „chaussiert und gekandelt“, seit 1888 gab es sogar eine Straßenbeleuchtung.
Ausgleich von der Arbeit suchten sich die Tailfinger im Jünglingsverein, sie sangen im Liederkranz und musizierten im Musikverein, sie übten ihre Körper im Turnerbund und erwanderten ihre Heimat mit Gleichgesinnten in der 1891 gegründeten Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins.

Tailfingen im Jahre 1901

Die Tailfinger Trikotagen Industrie befand sich um die Jahrhundertwende in einem kräftigen Aufwind. In 10 Fabriken und 52 Hauswirkereien fand der größte Teil der inzwischen auf 3700 Einwohner angewachsenen Bevölkerung Arbeit und Brot. Manche Unternehmen verlegten sich auf die Versorgung des Inlandsmarktes, andere hingegen exportierten nach England, Südamerika, in die Türkei und natürlich in viele Länder Europas.
Am 13. Juli 1901 eröffnete die Württembergische Eisenbahngesellschaft ihre Nebenbahn im Talgang. Damit war auch Tailfingen mit dem öffentlichen Verkehrsnetz verbunden. Baumwolle, Kohle und Fertigerzeugnisse mussten nun nicht mehr mit dem Fuhrwerk, sondern konnten mit der Bahn befördert werden.
Die aufblühende Industriegemeinde hatte nunmehr alle Hände voll zu tun, bereits 1892 war der Neubau der Christophschule, 1898 das Rathaus am heutigen Platz erstellt worden. Neue Straßen wurden angelegt. Die Wasserversorgung erfolgte nicht mehr aus dem Brunnen, sondern 1896 durch eine Wasserleitung aus der Onstmettinger Hessentalquelle.
Die Mittel der Gemeinde waren durch solcherlei Infrastrukturmaßnahmen derart in Anspruch genommen, dass der Gemeinderat „auf Entschädigung von Zeitversäumnis in Form von Tagegeld“ verzichtete. Die Bevölkerung lebte im Wohlstand.

Tailfingen im Jahre 1912
Der ehemalige Bauernflecken Tailfingen hatte sich inzwischen zu einem Hauptzentrum der württembergischen Trikotagen Industrie entwickelt. Von den nunmehr über 5000 Einwohnern waren mehr als 3000 in 25 Fabriken und 34 Hauswirkereien beschäftigt.
Inzwischen war 1905 ein Gaswerk, 1910 ein Elektrizitätswerk errichtet worden. Durch den nun möglichen Einsatz von Leuchtgas- und Elektromotoren konnte die Produktivität erheblich gesteigert werden. Alle Zeichen standen auf Wachstum.
Der wirtschaftliche Aufschwung blieb natürlich nicht ohne Auswirkungen auf das Ortsbild und die Infrastruktur der Gemeinde.
1907 konnte die Pauluskirche eingeweiht werden, 1911 die Lutherschule.
Standen im Jahre 1900 in Tailfingen ca. 660 Gebäude, so zählte man 1912 deren über 1000 – eine eindrucksvolle Leistung.
Ein mächtiges Erdbeben hat am 16.November 1911 beträchtliche Schäden angerichtet, die man nun 1912 gründlich ausbesserte.
Seit 1911 hat Tailfingen eine eigene Zeitung, die als lokale Tageszeitung ein wichtiges Kommunikationsinstrument ist.
Das Gemeinschaftsleben war in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg von einer außerordentlich regen Vereinstätigkeit geprägt. Vor allem scheint sich damals das erwandern der Albheimat unter kundiger Führung großer Beliebtheit erfreut zu haben. Denn nicht nur in der sehr aktiven Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins fanden sich die Wanderer, sondern auch im Touristenverein „Die Naturfreunde“ im Touristenclub Schwaben und im Verschönerungsverein.

Tailfingen im Jahr 1935
Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten hatte auch in Tailfingen einschneidende Veränderungen hervorgerufen.
Ein von der NSDAP ernannter Bürgermeister leitete hinfort die Verwaltung.
Weite Teile auch der Tailfinger Bürgschaft maßen indessen die Anfangserfolge des „Dritten Reiches“ am Rückgang der Arbeitslosigkeit. Die Ankurbelung der Wirtschaft durch die beginnende Aufrüstung führt auch bei uns zur Vollbeschäftigung.
Die Tailfinger Maschinenfabriken hatten inzwischen den Anschluss an den weltweit gültigen Standard der Rundstrickmaschinen geschafft.
Die katholische Kirchengemeinde erbaute ihre Elisabethenkirche.
Die Sportstätten wurden zu modernen Stadien.
Seit 1933 konnten sich die Tailfinger in einem großzügigen Freischwimmbad tummeln.
1934 Auf Langenwand wird eine neue Siedlung angelegt, und ständig erweitert.

Tailfingen im Jahr 1950
Nur langsam konnten auch die Tailfinger die Folgen des schrecklichen zweiten Weltkrieges überwinden. Die französische Besatzungsmacht demontierte viele Tailfinger Betriebe. Noch Anfang des Jahres musste noch ein umfangreiches Ablieferungssoll an die Besatzungsmacht erfüllt werden.
Erhebliche Mühe verursachte die Unterbringung von Heimatvertriebenen in Barackenlagern und Privathaushalten.
Die seit 1947 auf Langenwand notdürftig untergebrachte Landessportschule wird erweitert.

Tailfingen im Jahre 1962
Seit Mitte der 50er Jahre entwickelte sich der Textilmarkt günstig und die Tailfinger Industrie
konnte vom allgemeinen gesamtwirtschaftlichen Aufschwung kräftig profitieren. In enger Verbindung mit der Maschenindustrie entwickelten sich Rundwirk- und Rundstrickmaschinen- Fabriken von Weltruf sowie Unternehmen, die Spulmaschinen und Präzisionswerkzeuge herstellten.
Im Raum Tailfingen-Ebingen war die größte Zusammenballung der Wirk- und Strickwarenindustrie im Gebiet der Bundesrepublik gewachsen.
1950 hatte Tailfingen 12698 Einwohner, 1962 waren es 15836, eine Zunahme von nahezu 25%.
Anfang der 60er Jahre wurde der Vordere Heuberg erschlossen und damit die ehemalige Gemeindeviehweide zum Wohngebiet „Stiegel“ für über 3000 Einwohner.
Es konnten seit langem geplante notwendige Vorhaben verwirklicht werden, so wurde
1953 der Kindergarten Lerchenstraße
1954 die Lammerbergschule
1955 das Hallenbad am Lammerberg
1960 das Krankenhaus Tailfingen
1961 die Grundschule auf Langenwand
erstellt.

Tailfingen im Jahre 1974
Die Bautätigkeit ergriff nunmehr auch die östlichen Höhen „Lammerberg und Unter Nank“;
Tailfingen bekam ein Progymnasium mit Turnhalle
Das Schulküchengebäude bei der Lutherschule wurde erstellt, die Lutherschule selbst modernisiert.
Auf Stiegel wurden ein Kindergarten und eine Grundschule errichtet.
Seit 1966 ist die Zollern-Alb-Halle Mittelpunkt unseres Raumes bei sportlichen und gesellschaftlichen Großereignissen.
Truchtelfingen erhielt seine neue Volksschule und seine modernisierte Turnhalle.
Im Rossental wurde ein Kindergarten eingerichtet.
Tailfingen verlor nach 1200 Jahren erstmals seine Selbständigkeit, die Landesregierung hatte beschlossen, größere und leistungsfähigere Verwaltungsgemeinschaften zu schaffen.
Seit 01.01.1975 ist Tailfingen ein Stadtteil von Albstadt.